Der Walnuss-Fall vom MartinsHof

Es gibt Kriminalfälle, die mit einem Schuss beginnen, und es gibt Kriminalfälle, die mit einer Nuss beginnen. Dieser hier beginnt mit einer Nuss. Genauer: mit sehr vielen Nüssen, die ein Baum im Garten des MartinsHof jeden Herbst großzügig und völlig rücksichtslos auf den Boden wirft, so, als wüsste er nicht, was er damit anrichtet.
Denn genau das wollen wir ja eigentlich. Ein Hof, auf dem die eigenen Früchte geerntet und gegessen werden, in dem noch selbst gepflückt, selbst gebückt, selbst zugegriffen wird – das ist keine Nebensache, das ist Programm. Nur hat in diesem Fall der Baum einen Kunden gefunden, der das Angebot mit einer Hingabe annimmt, die uns nachts wachhält: Herrn K., neunzig Jahre jung im Kopf, fast blind in den Augen (die Sehschärfe liegt großzügig geschätzt bei dreißig Prozent), schwindelig auf den Beinen und im Herzen fest davon überzeugt, vierzig zu sein und bestens zu sehen, zu fühlen und zu schmecken. Die Demenz hat ihm nicht die Freude an der Walnussernte genommen, nur das Sicherheitsbewusstsein, das man dafür eigentlich bräuchte. Ein Mann, ein Rollator, gebückte Haltung, Schwindel, dreißig Prozent Sehkraft und ein Baum voller Nüsse – wer hier keine Bauchschmerzen bekommt, hat den Beruf verfehlt.
Es geht gut. Meistens. Diesmal auch – jedenfalls fast. Die Nüsse landen, wie sie es immer tun, auf dem Nachttisch von Herrn K., liebevoll gehortet wie ein kleiner Schatz. Und dort, beim ganz normalen Aufräumen, das in Wahrheit nie ganz normal ist, sondern immer auch ein bisschen Spurensicherung, macht die Kollegin den Fund: schwarze Verfärbungen, weißlicher Belag, ein Geruch, der eindeutig sagt "iss mich nicht". Schimmel. Und Schimmel auf Walnüssen ist keine Bagatelle für den Wischlappen, sondern, mit etwas Pech, Aflatoxin – ein Gift, das die Leber ausgesprochen persönlich nimmt. Eine Vergiftung durch schlechte Walnüsse ist wirklich nicht ohne, das muss man an dieser Stelle einmal in aller Deutlichkeit sagen, bevor die Geschichte komisch werden darf.

Und hier beginnt der eigentlich schwierige Teil des Berufs, der Teil, der in keiner Stellenausschreibung steht: die Sorgfaltspflicht schlägt Alarm, während gleichzeitig eine leise, fiese kleine Stimme im Kopf mitredet. Übersehe ich hier etwas? Habe ich es rechtzeitig bemerkt, oder liegt der Schimmel schon seit drei Tagen unbeachtet neben dem Radiowecker? Reagiere ich jetzt, weil es wirklich gefährlich ist – oder reagiere ich über, weil mir gerade selbst ein bisschen mulmig ist? Und wenn ich die Nüsse einfach wegnehme: Nehme ich Herrn K. damit nicht auch ein Stück seiner Welt weg, in der er, verdammt noch mal, seine eigenen Nüsse isst, wie er es sein Leben lang getan hat? Diese drei Fragen kommen in der Pflege nie einzeln, sie kommen immer im Rudel, und sie kommen immer im ungünstigsten Moment.
Die Nüsse werden also eingesammelt, die Gefahr wird angesprochen, sachlich, freundlich, fachlich einwandfrei begründet. Und Herr K. hört zu – und ist außer sich. "Das sind MEINE Nüsse. Die habe ich selbst gesammelt. Ich habe mein Leben lang meine eigenen Nüsse gegessen. Was wollen Sie von mir? Lassen Sie mich in Ruhe, wo sind wir denn hier, dass ich nicht mal meine eigenen Nüsse essen darf?" Ein Satz wie ein Paragraph aus dem Betreuungsrecht, vorgetragen mit der ganzen Empörung eines Mannes, der zeit seines Lebens für sich selbst gesorgt hat und das partout nicht vergessen möchte, auch wenn ihm die Demenz gerade sehr überzeugend das Gegenteil einredet. Einsicht: null Prozent. Verhandlungsbereitschaft: ebenfalls null Prozent. Die Fronten sind so verhärtet wie eine drei Wochen alte Walnussschale.

Man kann jetzt die Fachliteratur zitieren, die Betreuerin anrufen, eine Fallbesprechung ansetzen – oder man kann das tun, was in der Pflege am Ende oft die klügere Lösung ist: dem Menschen in seiner Wirklichkeit begegnen, statt gegen sie anzurennen. Vorschlag also: "Dann lassen Sie uns die schönen Nüsse doch zusammen knacken." Herr K. ist sofort einverstanden – wer sagt schon nein zu Gesellschaft und Nussknackern. Und während er mit sichtlichem Stolz die ersten Schalen malträtiert, wandert unbemerkt eine Handvoll einwandfreier, frisch besorgter Nüsse aus der Kitteltasche der Kollegin auf den Tisch, während die schimmligen in derselben Tasche verschwinden. Eine Rochade, verdeckte Ermittlungsarbeit, durchgeführt mit der Präzision eines Taschenspielertricks und dem guten Gewissen einer bestandenen MDK-Prüfung.
Am Ende sitzt Herr K. zufrieden vor einem Häufchen einwandfreier Nüsse, isst genüsslich, und sagt zufrieden: "Sehen Sie, gut, dass Sie eingesehen haben, dass ich meine Nüsse selbst essen kann." Er hat gewonnen. Die Sorgfaltspflicht hat auch gewonnen. Beide wissen es nur nicht voneinander.
Und die Kollegin steht später am Flurfenster, mit dem guten Gefühl, dass alles gut gegangen ist – und mit jener leisen, nie ganz verschwindenden Frage, die zu diesem Beruf gehört wie der Kittel: Was, wenn ich es diesmal nicht gesehen hätte? Beim nächsten Mal, beim übernächsten? Es gibt so viele Fallen in dieser Arbeit, die aussehen wie eine Nuss und in Wahrheit ein ganzes Risikomanagement-Kapitel sind. Diesmal ist die Akte geschlossen, ohne Vorfallmeldung, ohne Arztbesuch, nur mit einer kleinen, stillen Heldentat, die in keinem Dienstplan auftaucht. Bis zum nächsten Herbst, wenn der Baum es schon wieder tut.
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