Wenn es im Oktober knallt
Im Oktober beginnt alles mit einem Geräusch. Man hört es, noch bevor man etwas sieht. Im Gras fallen die Walnüsse wie leiser Hagel: ein Rascheln hier, ein dumpfes Klopfen dort. Auf dem gepflasterten Fußweg dagegen knallt es richtig. Jede Nuss schlägt auf wie ein kleiner Schuss, springt hoch, rollt davon und bleibt irgendwo liegen. Wer gerade vorbeigeht, zieht unwillkürlich den Kopf ein und schaut nach oben.
Die meisten Nüsse landen nicht im weichen Gras, sondern auf dem Pflaster. Schon bald liegt der ganze Weg voll. Das sieht zwar schön aus, ist aber nicht ungefährlich. Auf den runden Nüssen kann man leicht ausrutschen oder stolpern. Also müssen sie weg – und zwar möglichst schnell.
Im vergangenen Jahr haben wir versucht, sie zusammenzuharken. Doch kaum war ein Häufchen beisammen, rollte die Hälfte schon wieder auseinander. Manche Nüsse landeten sogar auf der Fahrbahn. Dort wurden sie von Autos überrollt, zerdrückt und damit unbrauchbar. In diesem Jahr wollten wir es besser machen. Also holten wir den Laubbläser.
Und tatsächlich: Es funktionierte wunderbar. Einmal mit dem Bläser über den Weg, und schon rollten die Nüsse fast wie von selbst an den Rand. Dort reihten sie sich nebeneinander auf – beinahe wie zum Appell. Wir mussten sie nur noch einsammeln. Plötzlich war ein Gerät, das sonst Laub vertreibt, unser Erntehelfer. Da fragten wir uns natürlich: Warum sind wir darauf nicht schon früher gekommen?

Nun waren die Nüsse zwar im Eimer, aber noch lange nicht im Kuchen. Denn eine Walnuss will erst einmal geknackt werden. Und genau da begann unser nächstes Problem. Wir probierten sämtliche Nussknacker aus, die wir im Haus hatten. Doch einer nach dem anderen gab auf. Die Schalen waren zu hart, die Nussknacker verbogen sich und die Kerne zerbrachen, bevor wir sie herausholen konnten.
Schließlich schafften wir einen professionellen Walnussknacker an – ein richtig kräftiges Gerät, das nicht lange fackelt. Das tut es tatsächlich nicht. Es zerkleinert die Nüsse so gründlich, dass am Ende weder Kern noch Schale ganz bleiben. Heraus kommt ein großer Berg brauner Bruchstücke, in dem alles kunterbunt durcheinanderliegt.
Dann beginnt der Teil, der uns am besten gefällt: das Sortieren. Wir setzen uns gemeinsam an den Tisch und stellen zwei Schüsseln bereit – eine für die Kerne und eine für die Schalen. Dann legen wir los. Viel Kraft braucht man dafür nicht. Ein gutes Auge, ruhige Finger und etwas Zeit genügen. So kann jeder mitmachen, der möchte – ganz gleich, ob die Hände flink oder schon etwas steif sind.

Natürlich wird zwischendurch auch probiert. „Nur zur Prüfung“, sagt einer, steckt sich einen Kern in den Mund, kaut bedächtig und nickt zufrieden. Ein anderer betrachtet seinen Kern lange und meint, früher hätten Walnüsse viel besser geschmeckt. Dann isst er ihn trotzdem. So landet nicht jeder Kern in der Schüssel. Aber auch das gehört dazu.
Während die Hände beschäftigt sind, kommen die Geschichten ganz von selbst. Wo stand früher ein Walnussbaum? Wer hat zu Weihnachten die Nüsse geknackt? Und wer hatte heimlich schon die Hälfte gegessen, bevor der Teller überhaupt auf dem Tisch stand? Mit jedem Kern, der in die Schüssel fällt, kommt eine Erinnerung hinzu. Irgendwann wird das Sortieren zur Nebensache. Viel wichtiger ist, dass wir zusammensitzen.
Und ganz nebenbei tun wir uns auch noch etwas Gutes. Die Walnuss gilt zu Recht als kleines Kraftpaket. Sie enthält pflanzliche Omega-3-Fettsäuren, außerdem Vitamin E, Magnesium und viele Ballaststoffe. Eine große Studie mit mehr als siebenhundert älteren Menschen in Spanien und Kalifornien zeigte: Wer zwei Jahre lang täglich Walnüsse aß, hatte danach bessere Cholesterinwerte. Das spricht dafür, dass Walnüsse Herz und Kreislauf guttun können. Sie sättigen lange und gelten schon seit alter Zeit als Nahrung für Nerven und Kopf. Und tatsächlich sieht ein Walnusskern ein wenig wie ein kleines Gehirn aus.
Nun fragt sich vielleicht mancher: Wie viele Walnüsse darf man eigentlich essen? Die Antwort ist einfach: etwa eine Handvoll am Tag. Das sind ungefähr fünfundzwanzig Gramm – also rund fünf ganze Walnüsse oder zehn Hälften. Sie liefern gut hundertfünfzig Kilokalorien. Mehr muss es gar nicht sein, denn Walnüsse sind sehr gehaltvoll. Und wer eine Nussallergie hat, lässt sie selbstverständlich weg.
Walnüsse schmecken im Müsli oder Joghurt, im Salat, im Brot und natürlich im Kuchen. Man kann sie aber auch einfach so genießen – zum Beispiel nachmittags zum Kaffee, wenn man sich eine kleine Pause gönnt.
Unsere fertig sortierten Kerne füllen wir in Vakuumschläuche und legen sie in den Froster. So bleiben sie bis ins nächste Jahr frisch, und wir können uns auch im Winter noch daran freuen. Fertig sind wir allerdings noch lange nicht. Doppelt so viele Nüsse warten noch darauf, geknackt und am Tisch sortiert zu werden. Und ehrlich gesagt: Wir freuen uns schon darauf.
Eine Nuss ist schnell geknackt. Doch die Geschichte dahinter braucht etwas mehr: einen Tisch, ein paar Menschen, ein wenig Zeit – und in unserem Fall einen professionellen Nussknacker.
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