Auf der anderen Seite des Bettes
- Siegfried Niebius

- vor 1 Tag
- 4 Min. Lesezeit
Ein halbes Jahrhundert und mehr in der Pflege – Geschichten von Verantwortung, Wandel und Menschlichkeit

Ein halbes Jahrhundert im Pflegeberuf – das ist mehr als ein Job. Es ist eine Reise voller Begegnungen, voller Licht und Schatten, voller Geschichten, die das Herz berühren. Wenn ich zurückblicke, sehe ich nicht nur Stationen und Schichten, sondern Gesichter, Hände, Augenblicke, die sich unauslöschlich in meine Seele geschrieben haben. Was bleibt nach so langer Zeit? Dankbarkeit. Demut. Und die Erkenntnis: Pflege ist nicht nur Arbeit am Menschen, sondern Arbeit am Leben selbst – und irgendwann auch am eigenen.
Ich erinnere mich an meine ersten Schritte in einem Krankenhaus, das so groß war wie eine kleine Stadt. Die Hierarchie war beeindruckend, fast ehrfurchtgebietend. Wenn die Oberin auftauchte, verwandelte sich die Station in eine Hochglanz-Ausstellung. Die Böden blitzten, die Hauben saßen wie mit dem Zirkel gezogen, und ich schrubbte schon mal Fußleisten mit der Zahnbürste. Die Übergabebücher waren kleine Kunstwerke in Schönschrift, und die Patienten saßen geschniegelt im Bett, bereit, Frau Oberin freundlich zu grüßen. Streng? Ja. Schlimm? Nein. Wer funktionierte, hatte nicht nur Karrierechancen. Manche Stationsschwestern kannten Frau Oberin noch aus Kriegszeiten – da wollte man besser zeigen, dass man alles im Griff hat.
Es war die erste große Lektion, die mein Pfleger-Herz für immer prägen sollte. Ich sehe die Szene noch vor mir: Auf der geschlossenen Männer-Aufnahmestation lag ein älterer Herr, schwer gezeichnet von seiner Krankheit. Für mich, jung und unerfahren, wirkte er wie ein Schiff, das in stürmischer See gestrandet war – reglos, unter der Last der Krankheit. Sein Blick war leer, sein Körper schwer, und in mir wuchs die Frage: Wie kann ein Mensch so leben? Warum dieser massive Abstieg? Doch dann, wie ein zarter Sonnenstrahl nach einer langen Nacht, öffnete er die Augen. Leben kehrte zurück, leise, fast schüchtern. Und ich erkannte: Hinter der Krankheit verbarg sich ein Mensch – mit Würde, mit Talent, mit einer Geschichte. Er begann, Aushänge auf der Station zu gestalten, nicht einfach Blätter, sondern kleine Kunstwerke, als würde er Farben in eine graue Welt bringen. Und dann lächelte er mich an und fragte: „Soll ich dir eine besondere Karte machen? Für deine Freundin, zum Geburtstag?“ Ich brachte ihm Papier und Stifte. Was dann entstand, war ein kleines Wunder, das meine Sicht auf Menschen für immer veränderte: Ein Umschlag wie ein kostbares Gewand, eine Widmung voller Wärme, sogar die Briefmarke – alles perfekt, kunstvoll gestaltet. Diese Karte existiert wohl noch heute, wie ein stiller Zeuge dieser Begegnung. In diesem Moment begriff ich: Ein Mensch ist niemals nur seine Krankheit. Hinter jeder Diagnose schlägt ein Herz, das gesehen werden will. Und Wertschätzung – sie ist wie Licht. Sie verändert alles: den Blick auf andere und den auf uns selbst.

Die Jahre vergingen, und die Pflege wandelte sich. Aus strenger Hierarchie wurde eine akademische Profession, aus Linoleumböden digitale Telematik. Ich durfte diesen Wandel miterleben – und selbst die Digitalisierung meistern, als das Leben andere Pläne hatte. Plötzlich war ich nicht mehr nur Pfleger, sondern IT-Projektleiter. Anfangs dachte ich: Das ist nichts für mich. Doch dann kamen die Aha-Momente. Heute läuft unser Betrieb digital, sogar mit Telematik und KI. Aber eines bleibt: Technik kann unterstützen, doch Empathie ist das Herzstück. Kein Algorithmus ersetzt das warme Wort am Pflegebett – und keine Software spürt, wann ein Mensch wirklich gesehen werden möchte.
Besonders prägend war meine Zeit in einem Krankenhaus, in dem ich die anthroposophische Pflege kennenlernen durfte – Wickel, rhythmische Einreibungen, Öldispersionsbäder. Anfangs war ich skeptisch, doch bald spürte ich, wie sehr diese Methoden den Menschen guttaten – und auch mir selbst. Während der rhythmischen Einreibungen entspannte ich mich so sehr, dass ich manchmal selbst Kraft schöpfte. Rückblickend erkenne ich: Das waren erste, leise Begegnungen mit dem Thema Selbstfürsorge, lange bevor es dafür Worte gab. Pflege wirkte hier in beide Richtungen – gebend und stärkend. Diese Erfahrung hat meinen Blick auf Pflege nachhaltig verändert: Sie ist mehr als Technik und Medikamente. Sie ist Berührung, Wärme, Vertrauen.
Doch die Pflege hat auch ihre Schattenseiten. Sie fordert nicht nur den Körper, sondern auch die Seele. Burnout, Depression, Suizid – lange Tabu, heute bittere Realität. Pflegekräfte sind doppelt so häufig betroffen wie andere Berufsgruppen. Hinter jeder Zahl steht ein Gesicht, eine Geschichte. Ich habe Kolleginnen gesehen, die mitten im Leben standen und plötzlich nicht mehr konnten. Menschen, die jahrelang Verantwortung getragen und dabei gelernt hatten, die eigenen Grenzen zu übergehen. Wir sprachen über Prävention, Bewegung, gesunde Ernährung – und merkten oft zu spät, wie schwer es ist, das eigene Schicksal anzunehmen. Auch ich blieb nicht verschont. Nach Jahren in leitender Funktion, Weiterbildungen und Studiengängen kam der Zusammenbruch. Burnout lehrte mich eine schmerzhafte, aber heilsame Wahrheit: Selbstfürsorge ist kein Zeichen von Schwäche. Sie ist Voraussetzung dafür, diesen Beruf langfristig ausüben zu können. Weniger ist mehr. Zufriedenheit entsteht nicht durch Titel oder Funktionen, sondern durch Sinn, durch innere Stimmigkeit und durch die Erlaubnis, auch einmal innezuhalten.
Heute weiß ich: Gute Pflege beginnt nicht erst am Bett des anderen, sondern bei uns selbst. In der Fähigkeit, Grenzen wahrzunehmen und zu respektieren. Pausen nicht als Luxus zu betrachten, sondern als notwendige Pflegehandlung am eigenen Leben. Wer sich selbst achtet, kann andere auf Dauer achtsam begleiten.

Und doch – trotz aller Schatten – bleibe ich dankbar. Für die Kraft, die mir geblieben ist. Für die Menschen, mit denen ich ein Stück Weg gehen durfte. Für die Erkenntnis, dass Wandel möglich ist, wenn wir bereit sind hinzuschauen. Meine Hoffnung für die Zukunft der Pflege ist, dass sie nicht nur in Sonntagsreden gewürdigt wird, sondern in echten, spürbaren Taten. In Zeit für Beziehung. In Strukturen, die Menschlichkeit ermöglichen. In einer Kultur, in der Selbstfürsorge selbstverständlich dazugehört.
Ich wünsche mir eine Pflege, in der Erfahrung und neue Ideen sich gegenseitig bereichern. In der Technik unterstützt, ohne die Nähe zu ersetzen. Eine Pflege, in der Jung und Alt miteinander arbeiten – respektvoll, wertschätzend, lernbereit. Eine Pflege, die den Menschen ganz sieht: den Patienten ebenso wie die Pflegenden.
Denn am Ende landen wir alle irgendwann auf der anderen Seite des Pflegebetts. Wie wir bis dahin gelebt, gearbeitet und für uns selbst gesorgt haben, liegt in unserer Hand. Ich für meinen Teil habe gelernt: Pflege ist dann am stärksten, wenn sie auch den schützt, der sie ausübt.
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